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Kaltes Eisen, warme Hände — Kostenlose Vampir-RomanceGratis · Exklusiv

Kostenlose Vampir-Romance

Kaltes Eisen, warme Hände

Sie kann das Eisen halten, das sie nicht berühren können. Drei Fae-Wächter brauchen ihre Hände und wollen noch viel mehr.

  • Why Choose
  • Erzwungene Nähe
  • Fae-Beschützer
  • Verwundeter Held
  • Gehütetes Geheimnis

🌶️🌶️🌶️🌶️ Etwa 64 Min. Lesezeit · 14.708 Wörter

Hufschmiedin Augusta Carrow arbeitet seit ihrem neunten Lebensjahr mit Eisen. Dann findet sie an der Quelle, die ihr Vater ihr nach Einbruch der Dunkelheit zu besuchen verboten hat, einen Mann, der in einer Schlinge aus schwarzem Draht verbrennt. Am Morgen verstecken sich drei Fae-Wächter in ihrer Scheune, und die Männer, die die Schlinge gelegt haben, klopfen an ihre Tür.

Draht im Weißdorn

Augusta

Das letzte Pferd des Tages trat ihr gegen den Oberschenkel, und Augusta bedankte sich dafür.

„Ist nur fair“, sagte sie zu dem großen Braunen und setzte seinen Huf auf den Scheunenboden. „Ich würde auch treten, wenn ein Fremder mir eine Stunde lang an den Füßen herumfummelt.“

Der Wallach schnaubte schwer durch die Nüstern und drehte den Kopf nach ihr um. Er hatte vier neue Eisen, eine saubere Ausschneidung und den Gesichtsausdruck eines Pferdes, das sich das hier merken würde.

„Er mag Sie“, sagte Mrs. Mabry von der Tür her. Sie war einundachtzig und trug noch immer die Stallweste ihres verstorbenen Mannes, deren Ärmel sie viermal umgekrempelt hatte. „Den Letzten hat er gebissen.“

„Er hat darüber nachgedacht, mich zu beißen.“ Augusta zog die Lederschürze aus und rollte sie um ihr Hufmesser. „Dann hat er es sich anders überlegt.“

„Ihr Vater hat immer gesagt, Pferde riechen einen Lügner.“

„Papa hat viel gesagt.“

Mrs. Mabry drückte ihr zwei zusammengefaltete Zwanziger in die Hand und hielt sie eine Sekunde zu lang fest. Augusta kannte diesen Griff. Seit Februar hielt das halbe County sie eine Sekunde zu lang fest. Im Futtermittelladen. Auf der Post. Beim Kirchenessen, das sie früh verlassen hatte, weil ein weiterer Auflauf in ihrer Brust etwas zerbrochen hätte, das sie noch nicht bereit war zu zerbrechen.

„Essen Sie heute Abend etwas“, sagte Mrs. Mabry.

„Ja, Ma’am.“

„Das ist ein Hufschmiedinnen-Ja. Das bedeutet gar nichts.“

Augusta lachte, weil die alte Frau recht hatte, und trug ihr Werkzeug zum Truck hinaus.

Der Truck war ein weißer Ford, älter als sie selbst, mit einer festgeschweißten Beschlagsausrüstung auf der Ladefläche. Amboss, Gasesse, ein Gestell mit Stahleisen nach Größen sortiert, eine Schachtel Nägel, Raspeln, Zangen und ein Magnet so groß wie eine Faust, um verlorene Nägel im Stroh zu finden. Ihr Vater hatte die Ausrüstung in dem Jahr gebaut, in dem sie neun wurde, in dem Jahr, in dem er ihr zum ersten Mal einen Hammer über einem glühenden Eisen in die Hand gegeben hatte. Zwanzig Jahre Eisen fuhren auf dieser Ladefläche mit. An den meisten Tagen konnte sie die Heckklappe nicht herunterlassen, ohne seine Stimme zu hören.

Schlag dort, wo es weich ist, Gussie. Nicht dort, wo es leicht ist.

Sie fuhr mit offenem Fenster nach Hause.

Es war die letzte Oktoberwoche, und die Bergrücken hatten die Farbe von Rost und alten Pennys angenommen. Die Straße kletterte in langen, trägen Kurven aus dem Tal, vorbei an der dunklen Baptistenkirche und dem geschlossenen Obststand, bis der Asphalt endete und der Schotter begann. Carrow Hollow lag ganz am Ende des Schotters, zwischen zwei Bergrücken gefaltet wie ein Geheimnis, das jemand nicht mehr weitererzählte.

Auf halbem Weg ins Hollow fiel ihr die Stille auf.

Im Oktober waren die Wälder nie still. Es hätte Grillen geben müssen, einen späten Ziegenmelker, einen Waschbären, der sich mit den Mülltonnen stritt. Es gab nichts. Selbst der Wind hatte sich gelegt. Der Nebel war früh vom Bergrücken herabgekommen und stand zwischen den Bäumen, trieb nicht, stand nur da, als warte er darauf, eingelassen zu werden.

Augusta schaltete das Radio aus. Die Stille wurde schlimmer.

Auf dem Armaturenbrett knisterte der alte Polizeifunk ihres Vaters.

Sie behielt ihn, weil er ihn behalten hatte. Meistens lieferte er ihr Blechschäden, entlaufene Kühe und die Seufzer der Disponentin. Heute Nacht klickte er dreimal, kurz und scharf. Eine Pause. Dann ein langer elektronischer Impuls, wie ein angehaltener Atem.

Dann nichts.

Das war nicht die Disponentin. Das war kein Funkverkehr, den sie kannte.

Sie fuhr langsamer, als sie die Einmündung des alten Holzfällerwegs erreichte, der hinten über ihr Land hinaufführte, und ihre Scheinwerfer erfassten eine Gestalt, die dort nicht hingehörte.

Ein Pick-up. Dunkelgrün, fast schwarz, tief in den Lorbeer zurückgesetzt, wo ihn von der Straße aus niemand sehen konnte. Keine Kennzeichen. Jemand hatte Kiefernnadeln über die Reifenspuren gebürstet, aber nachlässig.

Augusta hielt an und blieb mit laufendem Motor sitzen.

Jäger, sagte sie sich. Wilderer, hinter einem Bock her. Irgendein Narr aus der Stadt, der glaubte, fehlende Kennzeichen machten ihn clever.

Sie stieg trotzdem aus.

Der Wagen war leer und abgeschlossen. Die Motorhaube war kalt. Im Schlamm neben dem Hinterreifen lag ein schwarzer Kabelbinder aus Plastik, sauber durchgeschnitten. Sie hob ihn auf. In den quadratischen Kopf war ein kleines weißes Zeichen geprägt: ein Kreis, der von einem einzigen geraden Strich mittendurch geteilt wurde.

Sie hatte es nie zuvor gesehen. Es ließ ihren Nacken steif werden.

Sie steckte den Binder in die Jackentasche und blickte den Holzfällerweg hinauf, zum Kopf des Hollows, wo die Quelle lag.

Geh nach Einbruch der Dunkelheit nicht zur Quelle hinauf, Gussie.

Ihr Vater hatte es so gesagt, wie andere Väter spiel nicht auf der Schnellstraße sagten. Nie ein Grund. Nie eine Geschichte. Nur die Regel, genau wie die Hufeisen, die er über jede Tür des Hauses genagelt hatte, Enden nach oben, damit das Glück nicht herauslief. Über jede Tür außer einer. Die Scheune hatte nie ein Eisen gehabt. Als sie ihn mit zehn danach gefragt hatte, hatte er lange auf die leere Stelle über dem Scheunentor gesehen und gesagt: Die Scheune braucht keins.

Er war seit acht Monaten tot. Sie war neunundzwanzig Jahre alt. Und etwas auf ihrem Land hatte den ganzen Wald den Atem anhalten lassen.

Augusta nahm ihre Taschenlampe und ihre Zaunzange aus dem Truck. Die Schrotflinte ihres Vaters blieb zu Hause im Flurschrank, denn das Einzige, was sie damit je getroffen hatte, war ein Briefkasten.

Sie ging hinauf.

Die Quelle lag in einem Ring aus Weißdornbäumen am Kopf des Hollows, alt und krumm, die Äste oben ineinander verflochten. In der Mitte des Rings stand ein grauer Stein, so groß wie ein knieender Mann, vom Wasser glatt geschliffen, mit einer Mulde oben, in der sich der Regen sammelte. Ihr Vater hatte ihn den Knienden Stein genannt. Als Mädchen hatte sie geglaubt, es sei ein Riese, der sich zum Trinken niedergekniet und vergessen hatte aufzustehen.

Heute Nacht hing Rauch in den Weißdornen.

Er roch falsch. Nicht nach Holzfeuer. Nach etwas Schärferem, nach einem angerissenen Streichholz und verbranntem Haar.

Augusta drängte sich durch den letzten Lorbeer und hob die Taschenlampe.

Neben dem Stein kniete ein Mann.

Er hing in einer Schlinge. Schwarzer Draht war um sein rechtes Handgelenk geschlungen und zog seinen Arm zu einem Eisenpfahl, der in den Boden geschlagen war. Eine zweite Schlinge lief über seine Rippen und band ihn von der anderen Seite an denselben Pfahl. Wo immer der Draht seine Haut berührte, rauchte es. Die Haut darunter war dunkel geworden und voller Blasen, und von den Rändern der Verbrennungen breiteten sich dünne schwarze Linien unter der Oberfläche aus wie Risse im Eis.

Er hob den Kopf in ihr Licht.

Er hatte schwarzes Haar bis zum Kragen, mit einer silbernen Strähne an der linken Schläfe. Sein Gesicht war lang und streng und weiß vor Schmerz. Eine Narbe zog sich an der linken Seite seines Kiefers entlang. Seine Augen waren grau, das klare Grau von Bachwasser über Schiefer, und sie wirkten nicht überrascht, sie zu sehen.

Und seine Ohren liefen spitz zu.

Augusta stand ganz still.

„Dreh dich um“, sagte der Mann. Seine Stimme war tief und rau, mit einem Akzent, den sie nicht einordnen konnte. „Geh den Weg zurück, den du gekommen bist.“

„Du brennst.“

„Ich bin mir dessen bewusst.“

„Wer hat dir das angetan?“

„Männer, die vor Mondaufgang zurückkommen.“ Er atmete durch die Zähne, während der Draht zischte. „Wenn sie dich in meiner Nähe finden, werden sie nicht nach deinem Namen fragen, ehe sie entscheiden, was sie mit dir tun.“

Er sagte es ruhig, ohne Dramatik, so, wie sie einem Kunden sagen würde, dass ein Pferd einen Hufriss hatte. Eine Tatsache. Mehr nicht.

Augusta sah den Draht an. Dann den Pfahl. Dann die schwarzen Linien, die an seinem Unterarm hinaufkrochen.

„Halt still“, sagte sie und kniete sich hin.

„Fass es nicht an.“

„Es ist Draht.“ Sie setzte die Backen der Zaunzange an die erste Schlinge. „Ich halte Eisen in der Hand, seit ich neun bin.“

Der Draht war dicker als Zaundraht und aus drei Strängen geflochten. Es brauchte beide Hände und ihr ganzes Gewicht. Der erste Strang riss mit einem scharfen Knacken. Der zweite. Der dritte. Die Schlinge um sein Handgelenk sprang auf, und er gab einen Laut von sich, tief in der Kehle,, an den sie sich noch lange erinnern würde.

Sie zog den Draht von seiner Haut. Er löste sich mit einem leisen Reißen. Ihre eigenen Handflächen, schwielig und auf der linken von einer alten weißen Narbe durchzogen, spürten nichts als kaltes Metall.

Er starrte auf ihre Hände.

„Du hältst es, als wäre es nichts“, sagte er.

„Für mich ist es das.“ Sie rückte zur Schlinge über seinen Rippen. „Atme aus. Das hier wird wehtun.“

„Alles wird wehtun.“

„Dann atme trotzdem aus.“

Er tat es. Sie schnitt. Die Schlinge fiel ab, und er sackte zitternd über seine Knie nach vorn. Augusta fing seine Schulter, ehe er mit dem Gesicht in die Quelle fiel. Er war schwerer, als er aussah, und glühend heiß durch den Mantel. Der Mantel selbst war dunkelgraue Wolle, lang und fein, an den Ärmelaufschlägen mit Silberfaden in einem Dornenmuster bestickt.

Niemand in diesem County besaß so einen Mantel.

„Ich bin Augusta Carrow“, sagte sie, weil ihre Mutter ihr, ehe sie ging, beigebracht hatte, den Leuten ihren Namen zu sagen, bevor sie sie berührte. „Das ist mein Land.“

Etwas huschte über sein Gesicht. Es war keine Überraschung. Es war eher wie bei einem Mann, der eine Glocke hört, auf die er gewartet hat, und der den Klang nicht mag.

„Ich weiß, wessen Land es ist“, sagte er.

„Und du bist?“

„Brannoc.“

„Nur Brannoc?“

„Heute Nacht, ja.“

Sie zog die Taschenlampe näher. In den Verbrennungen, unter den Blasen, glitzerten kleine schwarze Flocken wie Pfeffer. Eisen. Der Draht hatte Splitter in ihn gestreut.

„Da ist noch Metall in dir“, sagte sie. „Deshalb breiten sich die schwarzen Linien aus. Kannst du gehen?“

„Wenn ich muss.“

„Du musst. Ich kann dich keine vierhundert Meter tragen.“

Er sah zu den Weißdornen, zu der Dunkelheit dahinter, zu dem Stein. Einen Moment lang ruhte sein Blick auf der Oberseite des Knienden Steins, und sie sah dort etwas, das ihr in neunundzwanzig Jahren nie aufgefallen war. Ein quadratischer schwarzer Nagelkopf, so breit wie ein Silberdollar, tief in den grauen Fels getrieben, dort, wo die Regenmulde gewesen war.

Das kleine Becken in der Mulde war trocken.

„Sie haben ihn vergiftet“, sagte Brannoc leise, zu niemandem.

„Was vergiftet?“

Er antwortete nicht. Er brachte einen Fuß unter sich, dann den anderen, und stützte sich schwerer auf sie, als er es, wie sie vermutete, wollte.

Das Haus war näher, aber als sie aus den Bäumen traten und das Licht der Veranda sie erreichte, blieb Brannoc wie angewurzelt stehen.

„Nicht dorthin.“

„Ich habe einen Verbandskasten in der Küche.“

„Über deiner Tür hängt Eisen.“

Augusta sah zum Haus hinüber. Zu dem Hufeisen über der Küchentür, Enden nach oben, rostig von dreißig Jahren Wetter.

„In meinem ganzen Truck ist Eisen“, sagte sie.

„Ich habe es von der Straße aus gespürt.“

Sie dachte an die leere Stelle über dem Scheunentor. Die Scheune braucht keins.

„Dann die Scheune“, sagte sie.

Die Scheune war dunkel und roch nach Heu, Leder und altem Maultier. Parson, das einäugige Maultier ihres Vaters, steckte den Kopf über die Boxentür und blinzelte sie an. Parson hasste alle. Er hatte den Tierarzt zweimal gebissen und den Pfarrer einmal.

Er streckte den Hals zu Brannoc und drückte die graue Nase an die unverletzte Schulter des Mannes, weich wie ein Hund.

Augusta starrte.

„Alter Freund“, murmelte Brannoc. Er sagte nicht, wessen.

Sie brachte ihn in die Sattelkammer und ließ ihn auf einen Stapel sauberer Pferdedecken sinken. Im gelben Licht der einzelnen Glühbirne sah er schlimmer aus. Schweiß stand auf seiner Stirn. Die schwarzen Linien hatten den Ellbogen passiert.

„Bleib“, sagte sie. „Ich hole den Kasten und meinen Magneten.“

„Deinen Magneten.“

„Für das Eisen in deiner Haut. Hast du eine bessere Idee?“

Er schloss die Augen. Ein Mundwinkel bewegte sich, ganz leicht. „Nein.“

Sie rannte zum Haus. Den Kasten unter der Spüle hervor, Pinzette, saubere Handtücher, eine Flasche Jod, den großen Beschlagmagneten aus dem Truck. Sie füllte den Kessel und stellte ihn auf den Herd, ehe ihr einfiel, dass sie kochendes Wasser und alles andere nicht zugleich tragen konnte. Sie ließ den Kessel stehen. Sie rannte zurück.

Das Scheunentor stand weiter offen, als sie es verlassen hatte.

Zwei Männer standen drinnen, zwischen ihr und der Sattelkammer.

Der eine war groß und breit in den Schultern, mit brauner Haut und dunklem Haar, das er zu langen Zöpfen gebunden trug, und hielt einen schwarzen Bogen mit bereits aufgelegtem Pfeil. Er zielte nicht auf sie. Er musste es nicht. Seine Augen waren bernsteinfarben, wie Hundeaugen im Dunkeln, und folgten jeder ihrer Bewegungen.

Der andere war schlank und blass, mit goldenem Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, und einem Gesicht voller Sommersprossen. Er trug einen Mantel wie Brannocs, mit denselben silbernen Dornen an den Aufschlägen. Eine dünne silberne Spange schmiegte sich an die Spitze seines linken Ohrs. Er lächelte sie an, warm und unbeschwert, als hätten sie sich auf einem Gemeindepicknick kennengelernt.

„Guten Abend“, sagte der Lächelnde. „Wir sind gekommen, um unseren Hauptmann abzuholen. Wir würden es sehr gern auf höfliche Art tun.“

Hinter ihnen, in der Sattelkammer, hörte Augusta Brannoc einmal lachen, tief und müde.

„Leg den Bogen weg, Rhun“, sagte er. „Sie ist diejenige, die mich losgeschnitten hat.“

Drei an der Scheunentür

Brannoc

Die sterbliche Frau zog ihm das Eisen Flocke für Flocke aus dem Leib, und Brannoc ließ sie gewähren.

Sie kniete neben ihm auf den Pferdedecken, die Ärmel über die Ellbogen geschoben. Ihre Unterarme waren kräftig und mit kleinen weißen Narben gesprenkelt, den Spuren von Funken aus der Esse. Ihr dunkelgoldenes Haar war straff geflochten und unter einer verblichenen Kappe festgesteckt. Sie hielt den großen schwarzen Magneten einen Fingerbreit über sein verbranntes Handgelenk und führte ihn langsam, und die Flocken stiegen aus seiner blasigen Haut wie Eisenspäne bei einem Trick im Klassenzimmer.

Jede ließ einen sauberen, hellen Schmerz zurück. Jede nahm auch ein wenig vom Gift mit.

Die schwarzen Linien in seinem Arm waren bereits zum Stillstand gekommen.

„Halt still“, sagte Augusta, zum vierten Mal.

„Ich halte still.“

„Du hältst den Atem an. Das ist ein Unterschied.“

In der Tür lachte Sorrel. „Oh, die mag ich.“

„Du magst jeden“, sagte Rhun vom Scheunentor aus, ohne sich umzudrehen. Er stand mit seinem Bogen im Spalt und beobachtete den dunklen Hof und die Straße dahinter, reglos wie ein Pfosten.

„Ich mag jeden ein bisschen. Sie mag ich sehr. Sie redet mit ihm so, wie er mit uns redet.“

Augusta sah auf. „Und wer seid ihr eigentlich genau?“

Sorrel verneigte sich so tief, dass sein goldenes Haar das Stroh streifte. „Sorrel vom Nachthof, Wächter des Knienden Steins, ein passabler Harfenspieler, ein miserabler Schwertkämpfer und gänzlich zu deinen Diensten. Der Grüblerische an der Tür ist Rhun. Er ist ein weit besserer Schwertkämpfer und spielt überhaupt nichts.“

„Sorrel“, wiederholte Augusta. „Das ist eine Pferdefarbe.“

„Wirklich?“

„Rötlich braun. Wie ein Dunkelfuchs, nur heller.“

Er sah entzückt aus. „Dann bin ich nach etwas benannt, das du liebst. Das scheint mir ein guter Anfang.“

Brannoc sah zu, wie sie beschloss, nicht zu lächeln, und zur Hälfte scheiterte.

Er hatte in den letzten zwei Wochen vieles erwartet. Hunger. Kälte. Den Eisendraht. Männer mit Maschinen, die im Dunkeln klickten. Nicht erwartet hatte er Augusta Carrow, die in ihrer Scheune mit einem Magneten kniete und seine Haut stirnrunzelnd musterte, als wäre sie ein gerissener Huf, den sie fest entschlossen war zu retten.

Er hätte es erwarten sollen.

Er wusste mehr über diese Frau, als ihr lieb gewesen wäre. Er kannte das Geräusch ihres Trucks auf dem Schotter und die Stunde, zu der sie meist heimkam. Er wusste, dass sie pfiff, wenn sie wütend war, und summte, wenn sie traurig war. Er wusste, wessen Tochter sie war, und was jener Mann von ihm verlangt hatte, und wie gründlich er es schon gebrochen hatte, einfach indem er sich von ihr hatte losschneiden lassen.

Die Wahrheit hatte Kanten. Brannoc hatte lange gelebt und gelernt, an ihnen entlangzugehen, ohne zu bluten.

Den Rest sagte er ihr nicht.

„Was seid ihr?“, fragte Augusta. Sie sah nicht von seinem Handgelenk auf. „Alle drei. Sag es deutlich.“

„Fae“, sagte Brannoc.

„Wie Feen.“

„Nicht wie irgendetwas, das du je auf einer Brotdose gesehen hast.“

„Ich habe noch nie etwas auf einer Brotdose gesehen mit solchen Ohren.“ Sie senkte den Magneten. „Woher weiß ich, dass das stimmt?“

„Bitte mich zu lügen.“

Sie musterte ihn. Dann: „Sag, der Himmel ist grün.“

Brannoc öffnete den Mund. Die Worte saßen hinter seinen Zähnen, fest und unmöglich, wie ein Stein, den er nicht schlucken konnte. Nichts kam heraus.

Augusta setzte sich auf die Fersen zurück.

„Wir können nicht lügen“, sagte Sorrel sanft. „Es ist das Unbequemste an uns. Wir können schweigen. Wir können wählen, was wir sagen. Aber wir können nicht aussprechen, was wir als falsch kennen.“

„Wenn ich dir also eine Frage stelle, bekomme ich die Wahrheit.“

„Du bekommst eine Wahrheit“, sagte Brannoc. „Frag mit Bedacht.“

Sie sah ihn lange an. Er zwang sich, ihrem Blick standzuhalten. Ihre Augen waren braun, warm wie Eichenholz und viel zu scharf.

„Gut“, sagte sie. „Mit Bedacht, dann. Was ist dieser Stein da oben?“

„Eine Tür.“

„Wohin?“

„Nach Hause. In ein Reich namens Tenebris. Unser Hoher Lord herrscht dort über den Nachthof, und der Nachthof hält die Übergänge in diesen Bergen. Die meisten sind breit und laut und von vielen bewacht. Der Knieende Stein ist ein kleiner. Ein Fußpfad, keine Straße. Wir drei hüten ihn länger, als dein County einen Namen hat.“

„Und der Nagel oben drin?“

Die Luft in der Scheune schien abzukühlen.

„Vor zwei Wochen“, sagte Brannoc, „kamen Männer bei Nacht deinen Holzfällerweg herauf, mit einer Maschine, die klickt. Sie trieben einen geschmiedeten Eisennagel in das Herz des Steins. Jeder Übergang braucht einen Anker, Augusta. Der Stein war unser. Das Eisen hat ihn getötet. Die Tür hat sich geschlossen. Seither stehen wir auf der falschen Seite.“

„Ihr könnt nicht nach Hause.“

„Wir können nicht heim, und wir können keine Nachricht schicken, dass wir festsitzen. Sie legen Schlingen aus. Heute Nacht bin ich in eine gelaufen.“

„Was wollen sie?“

„Uns“, sagte Rhun von der Tür her. „Lebendig.“

Augusta drehte sich um. „Warum lebendig?“

Rhun antwortete nicht. Nach einem Moment begriff Brannoc, dass er es nicht wusste und es nicht laut erraten wollte.

„Ich weiß nicht, warum“, sagte Brannoc. „Ich habe nicht vor, es von innen in einem ihrer Trucks zu erfahren.“

Eine Weile schwieg sie. Sie reinigte die Verbrennung an seinem Handgelenk mit Wasser aus einem Krug und bestrich sie mit etwas Braunem, das wie Wespenstiche brannte. Dann setzte sie sich wieder zurück.

„Warum mein Land?“

Er wählte seine Worte, wie ein Mann seine Tritte auf Eis wählt.

„Der Stein war lange vor deinem Haus hier.“

Das war wahr. Es war auch eine Tür, die ihr vor der Nase zugeschlagen wurde, und er sah zu, wie sie ihre Form spürte, ohne zu wissen, was sie war.

„In drei Nächten“, fuhr er fort, ehe sie noch einmal fragen konnte, „reitet die Wilde Jagd durch diese Berge. Wenn sie reitet, wird der Schleier entlang jedes Bergrückens hundert Meilen weit dünn. Wäre der Nagel bis dahin fort, könnte der Stein erwachen.“

„Könnte.“

„Könnte.“

„Und ihr könnt ihn nicht selbst ziehen, weil er aus Eisen ist.“

„Du hast gesehen, was Eisen mir antut.“

Sie sah auf sein Handgelenk. Dann auf ihre eigenen Hände. Er sah, wie der Gedanke in ihrem Gesicht ankam, klar und gefährlich, und er sah, wie sie ihn für später beiseitelegte. Sie war eine Frau, die eine Arbeit beendete, ehe sie die nächste begann.

„Die schwarzen Linien sitzen noch in deinen Rippen“, sagte sie. „Ich brauche besseres Licht. Und heißes Wasser. Und meine gute Pinzette, die im Haus liegt.“

„Über der Tür des Hauses hängt Eisen.“

„Dann nehme ich es ab.“

Sorrels Lächeln verschwand.

Brannoc sagte, leiser, als er wollte: „Du solltest wissen, was du tust, ehe du es tust.“

„Dann sag es mir.“

„Ein Haus ist eine Tür wie jede andere. Dein Eisen sagt bleib draußen. Nimmst du es ab, musst du mich dennoch hereinbitten. Und hast du mich einmal gebeten, könnte ich wiederkommen.“

„Willst du wiederkommen?“

Er konnte nicht lügen.

„Ja“, sagte Brannoc.

Sie hebelte das Hufeisen mit der Klaue eines Hammers von der Küchentür. Die alten Nägel kreischten im Holz. Sie legte das Eisen ganz am Ende auf das Verandageländer und wandte sich zu ihm um.

„Komm herein, Brannoc.“

Er trat über die Schwelle, und das Haus nahm ihn auf.

Es war ein kleines Gefühl, wie warmes Wasser, das sich über seinen Füßen schloss. Er hatte diese Schwelle seit zweiundzwanzig Jahren nicht überschritten. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, irgendwo zwischen Wänden gewollt zu sein.

Die Küche hatte sich kaum verändert. Das war das Schlimmste. Der blaue Tisch. Die gelben Vorhänge mit dem Kaffeefleck. Der Kalender vom Futtermittelladen, noch immer auf Februar aufgeschlagen, weil niemand den Mut gefunden hatte, das Blatt umzublättern.

Augusta sah, dass er hinsah.

„Mein Vater ist im Februar gestorben“, sagte sie. Sie zog einen Stuhl vom Tisch und zeigte darauf, bis er sich setzte. „Sein Herz. Er war draußen in der Schmiede, und dann war er es nicht mehr. Ich habe ihn am Morgen gefunden.“

Brannoc wusste genau, wie der Mann gestorben war. Er war dabei gewesen, unter den Weißdornen, als Hiram Carrow sich mit der Hand auf der Brust an den Knienden Stein gelehnt hatte und gesagt hatte: Wag es nicht, es ihr zu sagen, Brannoc. Noch nicht.

Er sagte es nicht. Es war nicht seine Geschichte, um sie auszugeben.

„Es tut mir leid“, sagte er, und auch das war wahr.

Sie kochte Wasser. Sie stellte eine Arbeitslampe auf den Tisch und bog sie tief über seine Rippen. Sie schnitt das ruinierte Hemd unter seinem Mantel weg, ohne zu fragen, hielt dann inne, die Schere erhoben, und fragte.

„Ja“, sagte er.

Ihre Finger waren rau und warm und vollkommen ruhig. Sie fand die letzten Eisenflocken mit dem Magneten und der Pinzette und ließ sie, eine nach der anderen, in eine Untertasse fallen, wo sie wie Samenkörner klapperten. Zweimal sah sie ihm ins Gesicht. Zweimal schaute er zuerst weg, was ihm seit Jahrhunderten nicht mehr passiert war.

Der Schmerz ließ nach. An seine Stelle trat etwas Schlimmeres: Bewusstsein. Die Hitze der Lampe. Ihr Atem auf seiner Haut. Die kleine Falte zwischen ihren Brauen, wenn sie sich konzentrierte.

Er steckte in ernsthaften Schwierigkeiten.

Draußen strich ein Licht über die gelben Vorhänge.

Augusta hob den Kopf. Schotter knirschte. Ein Motor lief im Leerlauf, dann erstarb er. Draußen im Dunkeln, aus der Scheune, kam ein einzelner tiefer Pfiff wie von einem Nachtvogel. Rhuns Warnung.

„Ein Truck“, flüsterte sie.

„Grün“, sagte Brannoc. „Ohne Kennzeichen.“

Sie verschwendete keinen Atemzug. Sie zog ihn am gesunden Arm hoch und schob ihn in die Vorratskammer, zwischen die Mehlsäcke und die Regale mit den Pfirsichkonserven ihres Vaters, und schloss die Tür hinter ihm. Durch den schmalen Spalt am Scharnier sah er zu, wie sie das blutige Hemd und die Untertasse mit dem Eisen in eine Schublade fegte. Sie schaltete die Arbeitslampe aus und stellte den Kessel zurück auf den Herd.

An der Küchentür klopfte es. Dreimal, höflich.

Sie öffnete.

Der Mann auf der Veranda war in jeder Hinsicht gewöhnlich, und genau das ließ Brannocs Haut kriechen. Mittleres Alter. Graue Windjacke. Eine Kappe ohne Aufschrift. Ein Klemmbrett unter dem einen Arm, eine Taschenlampe in der Hand. Er lächelte, wie Männer lächeln, die längst entschieden haben, dass man tun wird, worum sie bitten.

„Guten Abend, Miss Carrow“, sagte er.

Er kannte ihren Namen.

„Kann ich helfen?“, sagte Augusta.

„Haskett ist mein Name. Ich gehöre zu einem Vermessungstrupp, im Auftrag des Countys. Tut mir leid, dass ich so spät störe.“ Es klang nicht, als täte es ihm leid. „Wir suchen einen Mann. Groß. Dunkles Haar, mit einer weißen Strähne auf einer Seite. Er ist verletzt. Verbrennungen am rechten Handgelenk. Er ist gefährlich, Ma’am. Sehr viel gefährlicher, als er aussieht.“

„Niemanden gesehen, auf den das passt.“

„Sind Sie sicher?“

„Ich bin sicher.“

Haskett nickte, langsam und freundlich. Sein Taschenlampenstrahl wanderte nach unten, beiläufig, über das saubere Linoleum.

Er blieb an einem einzelnen Tropfen schwarzen Bluts hängen, der zwischen ihren Stiefeln und der Tür zur Vorratskammer glänzte.

Moment – Brannoc blutet hinter ihrer Vorratskammertür. Der Mann auf ihrer Veranda will wissen, wo er ist …

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